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Mein Weg zum Islam

Bei dem nachfolgenden Text handelt es sich um einen Brief, den ich vor geraumer Zeit meinem ehemaligen Religionslehrer schrieb. Darin beschreibe ich unter anderem meinen Weg zum Islam. Der Text müsste mal wieder überarbeitet werden. Sobald ich dazu komme, werde ich dies inshaAllah machen. Namen im Brief wurden geändert.

Brief an meinen Lehrer

Lieber Herr Müller,
ich war gerade zu Besuch bei meinen Eltern, als ich meinen alten Kleiderschrank nach Büchern aus meiner Schulzeit durchsuchte. Dabei bin ich auf ein besonderes Buch gestoßen. Ein Buch, das Sie damals während Ihres Religionsunterrichtes vorstellten und mir, nachdem ich Sie darum gebeten hatte, mit den Worten „Wiedersehen macht Freude“ lächelnd entgegenstreckten und – damals noch ahnungslos – für viele Jahre – nämlich bis heute – ausleihen sollten. Nun hoffe ich, dass das Wiedersehen die Freude macht, von der Sie damals gesprochen haben...

Viel Zeit ist vergangen und vieles hat sich geändert. Und gerne würde ich Sie an dieser Zeit und den Änderungen, die sie mit sich brachte, teilhaben lassen. Zum Einen als „Wiedergutmachung“ für ihr  schon längst überfälliges Buch, zum Anderen aber, weil ich Sie als so liebevollen Lehrer in Erinnerung behalten habe, das ich mit Ihnen unbedingt teilen möchte, was mich und mein Leben so sehr prägte.

Den Anfang mache ich in einer Zeit, die Ihnen bekannt ist. Bestimmt können Sie sich noch an Calzuma erinnern – das junge, aufgeweckte und selbstbewusste türkische Mädchen. Meine tiefe Liebe zu ihr war damals Grund dafür, mich mit dem Islam zu beschäftigen. Es war weniger ein aufrichtiges Interesse an der Religion, das mich dazu bewegte, zu lesen, als vielmehr das Wissen darüber, dass ich Calzuma damit glücklich machen würde. Aber alles der Reihe nach:

Nach meinem Abitur nahm ich mir eine Auszeit von einigen Monaten um im Anschluss daran meinen Zivildienst anzutreten. Neun Monate lang als Staatsdiener bei der Arbeiterwohlfahrt Bürstadt durfte ich erleben, was es bedeutete, Menschen zu helfen und gleichzeitig, „benutzt“ zu werden. Von der Kinder- bis zur Schwerstbehindertenbetreuung über einfache Büroarbeit, hin zu Fahrdiensten jeder Art: In wahrscheinlich allen Bereichen gab es für die Zivis was zu tun und weil sie – die Zivis – nicht viel kosten, waren Nachtdienste und etliche Überstunden an der Tagesordnung.

Nach meinem Zivildienst: Kleine Auszeit. Ich bewarb mich an der Fachhochschule in Darmstadt für den Studiengang „Kommunikationsdesign“, scheiterte am Einstellungstest. Demotiviert beschloss ich einer alten Idee nachzugehen, auf die ich in der Zivildienstschule in Trier gebracht wurde und mit der ich unterbewusst schon eine Zeit lang liebäugelte – dem Pädagogikstudium. Kurzer Hand bewarb ich mich in Frankfurt an der Goetheuniversität.

Das Problem: Ich hatte die Anmeldefrist für Studienfächer mit Numerus clausus (NC) verpasst, wozu die Pädagogik zählte. Der Empfehlung der Fachschaft folgend, sollte ich einen kleinen Umweg gehen, mich für ein Fach ohne NC bewerben – in meinem Fall das Fach Geologie – jedoch die regulären Vorlesungen der Pädagogik besuchen, an den Prüfungen teilnehmen, mir die Scheine anerkennen lassen und zum Semesterwechsel über das Studiensekretariat mein Studienfach wechseln... Geschafft – glücklicherweise ohne weitere Schwierigkeiten. Nun war ich offiziell Pädagogikstudent und bin es auch noch heute.

Während dieser ganzen Zeit durchlebte ich Höhen und Tiefen, beschäftigte mich aber stetig mit dem Islam. Was dann geschah, wurde mir erst viel später bewusst: Umso mehr ich mich mit dem Islam auseinandersetzte desto mehr wurde mir klar, dass plötzlich nicht mehr Calzuma die treibende Kraft meiner Recherchen war, sondern der Islam selbst. Plötzlich las ich nicht mehr ihr zuliebe, sondern für mich. Ich spielte mit dem Gedanken, den Islam als Alternative zu meinem bisherigen Leben anzunehmen.

Das Studium hatte begonnen, es war Freitag, der 23.10.2006, ich befand mich in der ersten Woche meines ersten Semesters. Die Vorlesungssäle waren so hoffnungslos überfüllt, dass sich bereits viele Menschen vor den jeweiligen Eingängen aufhielten, einer üppigen Traubenstaude gleich. Alle versuchten einen Blick in die Räume zu werfen – verstehen konnte man schon lange nichts mehr. Ich kam pünktlich, also viel zu spät. Und weil ich keine Traube sein wollte, blieb ich einen kleinen Augenblick stehen, hielt inne und beobachtete das Getümmel von sicherer Distanz. Und während ich so da stand und an nichts dachte überkam mich plötzlich eine tiefe innere Klarheit und Überzeugung, die mich wie ein Tritt aus meinen Gedanken stieß.

Dann ging alles ganz schnell: Einer Maschine gleich bin ich zur Moschee gelaufen, die ich bereits einige Male zuvor besucht hatte. Mir war, als wäre ich nicht selbst gelaufen, wusste aber zweifelsfrei, was ich wollte, nämlich Muslim werden! In der Moschee angekommen, wurde ich in den Keller geleitet, wo sich gerade einige Muslime aufhielten, die wegen des Festtages gemütlich beisammen waren – der Ramadan war vorüber und die Muslime Feierten das „Fest des Fastenbrechens“ ('id ul fitr). Ich trug dem erstbesten mein Anliegen vor, wurde strahlend in einen Nebenraum geführt und gebeten, kurz zu warten. Nach wenigen Minuten erschien ein freundlich lächelnder, älterer Herr magerer Statur, dessen weißer Vollbart ihm eine Ehrwürdige und Weise Erscheinung verlieh. Mit ihm unterhielt ich mich dann für eine längere Zeit. Das Gespräch abschließend riet er mir noch, dass das wichtigste im Islam die Beziehung zwischen Gott und mir selbst sei und ich mir, wenn ich dies wünsche, ruhig noch etwas Zeit nehmen solle. Zeit jedoch hatte ich mir genug genommen, also sprach ich die Worte, die diesen Tag zu meiner zweiten Geburt haben werden lassen: „Ashhadu an la ilaha ilallah, wa ashadu anna Muhammadun rasulallah“, was ins deutsche übertragen soviel bedeutet wie: „Ich bezeuge, dass es keinen anbetungswürdigen Gott gibt, außer Allah (Übrigens sagen die in arabischen Ländern lebenden Christen und Juden auch „Allah“ zu Gott.) und ich bezeuge, dass Muhammad sein Diener und Gesandter ist.

Es war ein schönes Gefühl, diese Worte zu sprechen. Ich habe geweint, richtig geweint, obwohl ich nicht weinen wollte. Ich habe es probiert zu unterdrücken aber die Tränen sprudelten regelrecht aus mir heraus. Es war, als hätte ständig eine Last auf mir gelegen, die ich nie wirklich wahrgenommen hatte, jedoch damals, als sie sich von mir löste, wie eine Befreiung empfand. Ich habe mich so leicht gefühlt, so sorglos: Ich fühlte mich tatsächlich wie neu geboren. Währenddessen lag ich die ganze Zeit in den Armen des bärtigen Mannes, der mir liebevoll über den Rücken strich und mir damit ein Gefühl der Geborgenheit schenkte. Dabei flüsterte er langsam und mit bewegter Stimme: „Du hast in deinem Leben nie zuvor eine bessere Entscheidung getroffen und du wirst bis zu deinem Tod auch nie eine bessere treffen.“

Da ist es nun geschehen, auf einmal war ich Muslim. Was ich da sagte, nennt sich übrigens „Shahada“, zu deutsch „bezeugen“, und ist schlicht das Glaubensbekenntnis des Islam. So einfach und so klar, umfasst es doch die Theologie der ganzen Religion: Keine Vermittler, keine Hierarchie, nur du und Gott! Diese reine Art der Beziehung ermöglicht es, dass ein Kind, das den Glauben an Gott und seinen Propheten Muhammad völlig verinnerlicht, jedoch wenig Wissen hat, eine bessere Position bei Gott haben kann, als beispielsweise ein Gelehrter, der zwar viel weiß, jedoch seine Beziehung zu Gott vernachlässigt. Vor Gott sind eben alle Menschen gleich und sie unterscheiden sich nur in einem Punkt: In ihrer Beziehung zu Gott. So sagt Allah im Koran:

"O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget. Wahrlich, vor Allah ist von euch der Angesehenste, welcher der Gottesfürchtigste ist. Wahrlich, Allah ist Allwissend, Allkundig." (Koran 49:13)

Meinen Eltern erzählte ich bereits einen Tag später von meinem Erlebnis. Natürlich akzeptierten sie meinen Entschluss, wenn sie ihn auch nicht ganz verstehen konnten. Ich war relativ frei im Glauben erzogen worden. Gott spielte immer eine zentrale Rolle in der Erziehung. Eine Rolle jedoch, die keinerlei Konsequenzen mit sich zog: Gott war eben irgendwie da und liebt die Menschen – fertig. Der Islam ist hier anders. „Die Taten sind entsprechend der Absichten“, sagte der Prophet Muhammad. Das ganze Leben – und hier spielt es keine Rolle, was – richtet sich nach Gott aus und nicht umgekehrt. So wird alles zu einer gottesdienstlichen Handlung, sobald ich die Absicht habe, es für Gott alleine zu tun. Sei es der Abwasch, der Einkauf, das Arbeiten: Ständig bin ich mit Gott in Verbindung und gedenke Seiner, ständig versuche ich, Gottgefällig zu handeln, denn ich weiß, dass Er die ganze Zeit mit mir ist und mich sieht.

Im großen und ganzen änderte sich glücklicherweise nichts an der Beziehung zu meinen Eltern. Ich besuche sie regelmäßig und vermisse sie, sobald ich wieder in Frankfurt bin... Stimmt ja, ich wohne in Frankfurt! Den Umzug habe ich ganz vergessen zu erwähnen: Die Studiengebühren waren es, die mich dazu bewegten, in Frankfurt eine Arbeit zu suchen. Aufgrund meiner Erfahrungen im sozialen Bereich, fand ich eine Stelle in einem Pflegedienst. Wegen der Arbeit und dem Studium hatte ich plötzlich so wenig Zeit, dass ich mich nach einer Wohnung umsehen musste. Gott sei Dank wurde ich recht schnell fündig und wohne nun schon seit März letzten Jahres in einem kleinen Stadtteil Frankfurts, 10 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, in einer gemütlichen Einzimmerwohnung.

Achso: Nun könnten Sie die berechtigte Frage stellen, was aus Calzuma und mir geworden ist. Hier beginnt die weniger schöne Seite meiner Geschichte. Wir wollten heiraten, was ihre Eltern aus rassistischen Gründen nicht akzeptierten. Ich sei zwar Muslim, aber ein deutscher und kein Türke und passe damit nicht in das Kulturbild... Wenn ich etwas gelernt habe, dann, dass man den Islam nicht an seinen Anhängern messen kann. Nicht alles, was Muslime tun, ist gleich Islam. Viel eher wird man in seinen Hauptquellen fündig: Dem Koran, von dem über ein Sechstel der Menschheit überzeugt ist, dass er Wort für Wort, Silbe für Silbe, Gottes unverfälschtes Wort ist, und der „Sunna“ – der Lebensweise des Propheten Mohammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm).

Jetzt ist Ihr Buch, das ich nicht einmal ganz gelesen habe, Grund dafür, dass ich Ihnen von meinem Leben erzählt habe und Ihnen meinerseits gleich zwei Bücher schicken konnte, nämlich die Quellen, von denen ich eben noch sprach – einen Koran nämlich, und eine Biographie des Menschen, den ich heute mehr liebe als mich selbst.

Gottes Weisheit umfasst alles und weil ich nicht an Zufälle glaube, wird auch eine Weisheit in der verspäteten Buchrückgabe liegen. Und wenn es auch nur das freudige Wiedersehen mit Ihrem Buch sein sollte oder das Wissen darüber, dass ich an Sie denke...

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Zeit, Gottes Frieden und viel Freude und Erkenntnis beim lesen.

Ihr ehemaliger Schüler, Andreas Herrmann

PS. Schreiben Sie mir doch. Ich würde mich sehr freuen, von Ihnen zu hören.